Straßenbahnfahren – Großstadtleben in Reinkultur

Straßenbahnen – eine für mich seid Jahren unvermeidliche Zeitverschwendung. Zu Schulzeiten plagte mich die fast 45 minütige Anfahrt zur Schule ebenso wie jetzt zu meinem Arbeitgeber. Das gleiche natürlich auf dem Heimweg. Das macht fast 2 Stunden (Fußweg und Wartezeit eingerechnet), die ich jeden Tag unterwegs bin.

Was soll man also auf so einer Bahnfahrt tun, um die Zeit nicht völlig sinnlos zu vertrödeln? Schwierige Sache. Einige kramen unverzüglich nach betreten der Straßenbahn ihre Zeitung hervor. Rheinische Post, FAZ, WZ oder Bild, Express. Ich bin nicht selten auch unter diesen Menschen, doch bisweilen begnüge ich mich damit, die Headlines auf den mir entgegen gestreckten Fahrgastzeitungen zu überfligen.

Andere Leute lesen unverdrossen ihre 700 Seiten Romane und haben dabei ein genügsdames bis belustigendes Grinsen im Gesicht. Wieder andere beschallen den Innenraum mit Musik die nicht jedem gefällt. Hat man mehrere Mitfahrer dieser Gattung, vermischen sich die einzelnen Klanggebilde zu einer unverständlichen Musik-Wurst…

Genau so schlimm finde ich jedoch die gezwungene Stille. Die Bahn ist nur halb gefüllt. Die Menschen sitzten alle alleine. Selbst die Doppelsitzer sind jeweils nur mit einer Person besetzt, die sich vorzugsweise dermaßen breit macht, das ein Zweiter keinen Platz finden würde. Erst auf die freundlich-bestimmende Aufforderung, den Platz doch bitte frei zu machen, hat man eine Chance. Keiner schaut den anderen an – niemand redet. Jeder guckt starr und unverdrossen in die Leere oder einfach duch die Menschen hindurch. Bloß keinen Blickkontakt riskieren. Schrecklich. Das ist Großstadtleben in Reinkultur…

Viel interessanter wird eine Bahnfahrt nur, wenn man redefreudige Menschen um sich hat, die entweder im Gespräch untereinander, oder mit einem Gegenüber am allseits vorhandenen Handy ihre Lebendgeschichte erzählen. Interessante Geschichten hört man da. Zwei Freundinnen die über Schmink- und Beziehungsprobleme reden, ein altes Ehepaar, das über das Wetter philosophiert oder zwei Obdachlose die sich gegenseitig von ihrem bewegten Straßenleben erzählen. Besonders interessant sind die extorvertierten Businesspeople, die in Anzug und neustem Handy ihre Aktien in der Bahn verkaufen, einen Leihwagen ordern oder den anderen Fahrgästen ihren unglaublich wichtigen Job aufzwängen.

Da kann kein Buch mehr mithalten und keine Zeitung interessanter sein – das ist Großstadtleben in Reinkultur.

Bahnfahren in der Weihnachtszeit ist ganz besonders anstrengend. Die unglaublich vollen Wagons, die vom Einkauf gestressten Fahrgäste und bei Schnee und Regen die nervige Nässe, vor der man auch im Wagon nicht fliehen kann. Dann bekommt man nicht einmal mehr einen Sitzplatz, wird von vollbusigen-Endfünfzigjährigen-Kosmetikverschilingenden-Frauen an die Scheiben gequetscht und hofft nur auf die nächste Station, wo einige der ungeliebten Fahgäste den Wagon verlassen und wieder Luft zum atmen frei geben.

So oder so: bahnfahren ist ein Erlebnis – oder man sollte es wenigsten als solches verstehen. Im laufe der Jahre habe ich solch lustige bzw. skurile Geschichten erlebt, die mir sonst wohl leider ‘erspart’ geblieben worden wären. Naja – ich schaue schon wieder mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf den nächsten Morgen.

One comment

  1. bus- oder bahnfahren hat aber auch unbestreitbare vorteile, wenn man sich fuer eine stadt interessiert. so muß man nicht wie beispielsweise im auto staendig auf den verkehr achten, man kann das treiben auf den straßen aus einer erhöhten sitzposition betrachten undundund.
    zugegeben, ich fahre meistens mit dem auto durch ddorf, umso mehr genieße ich die seltenen bahnfahrten, wenn sie nicht gerade durch diese elenden tunnel führen,
    kay

Leave a comment

Security Code: